Institut für Reproduktionstoxikologie schult Mitarbeiterinnen baden-württembergischer Gesundheitsämter

Alkohol ist die am weitesten verbreitete Gefahr für das Ungeborene

BAD WALDSEE - 13 Mitarbeiterinnen von Schwangerenberatungsstellen aus baden-württembergischen Gesundheitsämtern besuchten am Donnerstag eine Fortbildung des Instituts für Reproduktionstoxikologie bei der St. Elisabeth-Stiftung. Der Leiter des Instituts, Dr. Wolfgang Paulus, berichtete praxisnah, anhand seiner langjährigen Arbeit, über neueste Erkenntnisse zu gefährlichen Stoffen in Schwangerschaft und Stillzeit. Das Institut gehört zur St. Elisabeth-Stiftung und ist am Krankenhaus St. Elisabeth in Ravensburg angesiedelt.

Medikamente, Schadstoffe, Infektionen und Strahlung sind Faktoren, die bei Schwangeren häufig große Ängste auslösen. Das bekannte Beispiel CONTERGAN führte aus Sorge vor haftungsrechtlichen Konsequenzen zu einer umfassenden Absicherungsstrategie der Pharmaindustrie und den verordnenden Ärzten. Andererseits verstärken die Warnhinweise im Beipackzettel der meisten Medikamente die Unsicherheit bei schwangeren Frauen. Das Institut für Reproduktionstoxikologie bringt mit seinem Beratungsangebot die Auseinandersetzung mit dieser sensiblen Materie auf eine rationale Grundlage.

Nach der Vorstellung des Instituts erläuterte Dr. Paulus die Grundlagen der Pränataltoxikologie: Expositionsdauer, Schwangerschaftsphase, Dosis, genetische Ausstattung und grundlegende Stoffeigenschaften spielen für die Risikobeurteilung eine wichtige Rolle.

Im zweiten Schritt gab der Mediziner einen Überblick über fruchtschädigende Substanzen in den verschiedenen Schwangerschaftsphasen. "Bei psychisch Kranken lässt sich eine Daueranwendung von Psychopharmaka oft nicht umgehen. Hier sollte bei Kinderwunsch das Vorgehen frühzeitig mit den behandelnden Ärzten abgestimmt werden", machte Dr. Paulus deutlich. Auf dem Markt befänden sich auch viele neue Substanzen, die aber bei kurzfristiger Anwendung, nach dem aktuellen Kenntnisstand, keine schwerwiegende Gefährdung für die kindliche Entwicklung bedeuten.

Die Behandlung von Epilepsie in der Schwangerschaft sollte mit besonderer Sorgfalt erfolgen, da hier meist ein höheres Fehlbildungsrisiko zu erwarten sei. In der Frühschwangerschaft eingenommene Schmerzmittel können nach neuesten Studien mit einer gesteigerten Fehlgeburtsrate einhergehen, klärte Dr. Paulus die Teilnehmerinnen auf. "Die betroffene Patientin sollte aber eine adäquate Schmerzlinderung erfahren." Bei erhöhtem Thromboserisiko können gerinnungshemmende Substanzen das Leben von Mutter und Kind retten, allerdings sei in der Schwangerschaft eine sehr genaue Auswahl erforderlich, um keine kindlichen Schäden hervorzurufen.

Die modernen Techniken der bildgebenden Verfahren zur medizinischen Diagnostik, allen voran Röntgen, sieht Dr. Paulus bei vernünftigem Einsatz als überwiegend unproblematisch. Ganz anders beurteilt der Experte die am weitesten verbreitete Droge in unserer Gesellschaft: "Alkohol ist die schwerwiegendste fruchtschädigende Substanz", machte Dr. Paulus klar. Die Folgen für das Ungeborene sind häufig verringertes Geburtsgewicht, beeinträchtigter IQ und Gesichtsanomalien. "Am besten während der Schwangerschaft gar keinen Alkohol trinken", gab er den Beraterinnen mit auf den Weg.

Am Ende des Seminars wurden die Möglichkeiten, Grenzen und Risiken der vorgeburtlichen Diagnostik aufgezeigt. Dr. Paulus, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, machte deutlich: "Die Beratung zu fruchtschädigenden Substanzen darf nicht bei der Risikoabschätzung enden, sondern sollte die Schwangere auch auf weitere Wege der Abklärung hinweisen. Wir dürfen die Patientinnen nicht alleine lassen." Er bat die Teilnehmerinnen um eine kontinuierliche Kooperation mit dem Institut. "Nur ein beständiges Sammeln der Rückmeldungen über den Schwangerschaftsausgang ermöglicht einen Zugewinn an Information für zukünftige Beratungen." Dr. Paulus hat seit 1989 zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universitätsfrauenklinik Ulm Datenmaterial zusammengetragen. Heute besteht sein Archiv aus Daten zu mehr als 30.000 Expositionen mit potentiell schädlichen Stoffen und mehr als 10.000 Schwangerschaftsausgängen. "In Deutschland gibt es kein zentrales Register für diesen Bereich." Im Institut für Reproduktionstoxikologie kommen pro Jahr rund 3000 Anfragen an - von Medizinern, Beratungsstellen, Apothekern und Patientinnen. Mit der Anfrage an das Institut beginnt die Auseinandersetzung in jedem Einzelfall. Mit der elektronischen Erfassung der Rückmeldedaten rund ein Jahr später kann die Akte erst geschlossen werden.

Informationshinweis: Nähere Infos zum Institut für Reproduktionstoxikologie unter www.reprotox.de