Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis besucht Fachdienst Offene Hilfen

"Wer kämpft für unsere behinderten Menschen?"

EHINGEN - Die Änderungen des Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) treffen Menschen mit Behinderungen doppelt hart. Viele sind häufig krank und/oder brauchen spezielle Behandlungen. Zugleich haben sie ein geringes oder kein Einkommen. Ihre Sorgen und Nöte mit dem GMG trugen behinderte Menschen, ihre Angehörigen und Heimbeiräte der Heggbacher Einrichtungen am Dienstagabend Hilde Mattheis vor. Die Bundestagsabgeordnete (SPD) besuchte die Kontakt- und Beratungsstelle des Fachdienst Offene Hilfen der Heggbacher Einrichtungen.

Hilde Mattheis bemühte sich zunächst in einer übersichtlichen Einführung, den Zuhörern die gesetzlichen Änderungen durch das GMG und ihre Hintergründe zu verdeutlichen. Anschließend bestand Gelegenheit für Einzelfragen und Diskussion.:

Die Mutter eines schwermehrfachbehinderten Sohnes beklagte die neuen bürokratischen Hürden. Ihre Hausärztin hatte sich geweigert, ihrem Sohn die Mittel gegen Epilepsie zu verschreiben - im Hinblick auf ihr ärztliches Budget. Für die Mutter bedeutet dies mehr anstrengende Wege: Immer, wenn die Arznei aufgebraucht ist zunächst der Gang zum Hausarzt, um die Überweisung zum Facharzt abzuholen. Von dort zum Neurologen, um das Rezept zu erhalten. Dann erst zur Apotheke. Für eine Mutter deren Sohn im Rollstuhl sitzt ein kräfte- und zeitraubendes Unterfangen. Hilde Mattheis, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und soziale Sicherung, versprach, sich des Falls anzunehmen und sich um erleichterte Wege über die Hausärztin zu kümmern.

Die Heimbeiräte Charlotte Landthaler und Achim Scheffold, Bewohner der Heggbacher Einrichtungen, beklagten die Tatsache, dass behinderte Menschen immer mehr zuzahlen müssten: bei Arzneimitteln, Arztbesuchen und Krankenfahrten. Kommen ab 1.1.2005 noch eine Brille oder Aufwendungen für Zahnersatz hinzu, bleibt vom monatlichen Barbetrag von 89 Euro kaum mehr etwas für persönliche und kulturelle Bedürfnisse übrig. Hilde Mattheis erklärte ihnen: Die Überforderungsklausel von drei bis vier Euro pro Monat für Sozialhilfeempfänger schütze auch behinderte Menschen vor dem finanziellen Kollaps.

Adolf Ilg, Geschäftsführer der Heggbacher Einrichtungen, kritisierte den zusätzlichen bürokratischen und personellen Aufwand durch das GMG, beispielsweise für Fahrtkosten zum Arzt, zur Krankengymnastik etc. Ilg merkte an, dass die Heggbacher Einrichtungen bereits für ihre betreuten Heimbewohner in Vorleistungen gegangen sind, um die Versorgung angesichts der finanziellen Möglichkeiten der Bewohner sicherzustellen. "Uns ist ein enormer Aufwand entstanden, weil wir für jeden Einzelnen Belege sammeln müssen. Viele Medikamente sind nicht mehr verschreibungsfähig. Fahrtkosten werden nur nach vorheriger Beantragung genehmigt. Bei rund 600 Bewohnern mit über 100 verschiedenen Krankenkassen ein riesiger bürokratischer Aufwand. Für ihn stelle sich die Frage: "Wer kämpft für unsere Heimbewohner?" Mitarbeiter und (ehrenamtliche) gesetzliche Betreuer seien mit dieser Zusatzaufgabe "heillos überfordert". Für Hilde Mattheis ist es selbstverständlich, dass Fahrkosten für schwer behinderte Menschen nach wie vor von den Krankenkassen übernommen werden. Sie empfahl den Heggbacher Einrichtungen, mit den Kassen "hart zu verhandeln". Außerdem erinnerte sie an die Pauschalen, die die jeweiligen Sozialhilfeträger an die Heimträger bezahlen sollen, auch um für Zuzahlungen ein Polster bis zur Rückerstattung zu schaffen. Weiterhin riet Mattheis dringend zu einen Blick auf die ergänzte Liste des Bundesgesundheitsministeriums über erstattungsfähige Medikamente. (Mehr dazu gibt es im Internet unter www.bundesgesundheitsministerium.de)

Einem Zuhörer, der sich nach billigeren Zahnarztbehandlungen in der Tschechei erkundigte, riet die Politikerin zum Kostenvoranschlag, der bei der Krankenkasse vor der Behandlung im Ausland gecheckt werden sollte.

Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis bei den Heggbacher Einrichtungen.

Foto: St. Elisabeth-Stiftung